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Wirkstoff

PDRN: Was Lachs-DNA im Serum leisten kann

PDRN hilft als Injektion nachweislich bei der Wundheilung. Im Serum ist die Lage dünn — zwei kleine Studien, Konzentrationen zwischen 0,05 und 10.000 ppm. Was dahintersteckt.

Abstrakte, farbige Darstellung von DNA-Strängen
Foto: Google DeepMind / Pexels
INCI
Sodium DNA
Herkunft
DNA-Bruchstücke aus Lachs- oder Forellensperma; „Phyto-PDRN“ aus Pflanzen
Prinzip
Bindet an den Adenosin-A2A-Rezeptor und liefert Bausteine für die Zellreparatur — gezeigt für Injektionen
Bis zum Effekt
In den zwei Serum-Studien vier Wochen
Beleglage
Nur Herstellerdaten — für Seren; als Injektion in der Wundheilung belegt

PDRN steht für Polydesoxyribonukleotid: kurze Stücke DNA, gewonnen aus dem Sperma von Lachsen oder Regenbogenforellen. In Korea wird der Stoff seit Jahren gespritzt, zuerst in der Wundheilung, später in der ästhetischen Medizin. Seit 2024 steht er auf Seren, Cremes und Tuchmasken, oft mit dem Versprechen, die Wirkung der Spritze in die Tube zu bringen.

Das ist der Knackpunkt dieses Wirkstoffs: Fast alles, was über PDRN belegt ist, stammt aus Injektionen. Für Seren gibt es zwei kleine Studien, und in beiden steckt eine Firma.

Was PDRN ist

Pharmazeutisches PDRN besteht aus DNA-Fragmenten mit einem Molekulargewicht zwischen 50 und 1.500 Kilodalton, am häufigsten um 132 Kilodalton, bei über 95 Prozent Reinheit. Gewonnen wird es aus dem Sperma von Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) oder Keta-Lachs (Oncorhynchus keta).

Oft wird PDRN mit PN (Polynukleotide) verwechselt. PN sind längere, zähflüssigere Ketten aus derselben Quelle, sie sollen eher über Wasserbindung und Struktur wirken. In Korea ist PDRN als Arzneimittel zugelassen, PN als Medizinprodukt. Bekannte Präparate wie Rejuran gehören zur PN-Gruppe. Eine feste Grenze zwischen beiden gibt es nicht; vorgeschlagen ist eine Kettengröße von 1.500 Kilodalton.

Auf der Inhaltsstoffliste eines Kosmetikprodukts steht weder „PDRN“ noch „PN“, sondern Sodium DNA. Aus dieser Angabe lässt sich nicht ablesen, wie lang die Ketten sind und woher sie stammen.

Wie es wirken soll

PDRN aktiviert den Adenosin-A2A-Rezeptor, der an Entzündungsdämpfung und Gefäßneubildung beteiligt ist. Außerdem liefert es Nukleotide, die Zellen über den sogenannten Salvage-Stoffwechselweg wiederverwerten können, statt sie neu herzustellen.

Belegt ist das vor allem in der Medizin. In einer placebokontrollierten Studie mit 216 Menschen mit diabetischem Fußgeschwür heilten nach acht Wochen 37,3 Prozent der Wunden mit PDRN vollständig ab, unter Placebo 18,9 Prozent. PDRN wurde dabei in den Muskel und um die Wunde gespritzt. Für die ästhetische Anwendung stammen die Daten überwiegend aus kleineren Studien mit PN-Injektionen.

Das Problem mit dem Serum

Ein Wirkstoff, der gespritzt wird, liegt dort, wo er wirken soll. Ein Wirkstoff im Serum muss erst durch die Hornschicht. Als Faustregel gilt, dass nur Moleküle unter etwa 500 Dalton nennenswert durch intakte Haut dringen. PDRN liegt mit rund 132.000 Dalton mehr als 250-fach darüber.

Eine Studie aus dem Juli 2026 hat das nachgemessen: An Schweinehaut im Labor erreichte ein markiertes PDRN nach acht bis zwölf Stunden die Lederhaut. An menschlicher Haut wurde es nur bis etwas über 20 Mikrometer tief gefunden, also in der oberen Oberhaut. Dort sitzen nicht die Zellen, die Kollagen bilden.

Die beiden Studien zu PDRN-Seren

Ye und Kollegen, PLOS ONE, Juli 2026. 31 Frauen trugen 28 Tage lang ein Serum mit 0,1 Prozent PDRN auf, eine Vergleichsgruppe eines mit 0,1 Prozent Retinol. Die Krähenfüße gingen mit PDRN um etwa 20 bis 23 Prozent zurück, mit Retinol um 6 bis 7 Prozent. Das klingt deutlich, hat aber zwei Haken: Es gab keine Gruppe mit wirkstofffreiem Serum, und zwei der Autoren arbeiten bei Biotech-Firmen, der Rohstoff kam von einem Hersteller.

Bak und Kollegen, International Journal of Molecular Sciences, Dezember 2025. Zehn Probandinnen und Probanden, 1 Prozent PDRN aus Pfingstrosen, vier Wochen, diesmal mit wirkstofffreier Vergleichscreme. Die Elastizität um die Augen stieg um 4,25 Prozent, nach zwei Wochen war noch kein Unterschied messbar. Alle Autoren sind Angestellte des Rohstoffherstellers.

Mehr gibt es nicht. Eine weitere oft zitierte Arbeit prüfte eine PDRN-Mischung zusammen mit Microneedling — am Tier.

PDRN im Serum wirkt wie die PDRN-Spritze

Urteil: Nicht belegt

Die Belege für Wundheilung und Regeneration stammen aus Injektionen. Im Serum dringt PDRN nach der einzigen Messung am Menschen nur in die oberste Hautschicht, und die zwei Serum-Studien sind klein und firmennah.

Was auf der Flasche steht — und was nicht

Die Konzentration geben viele Marken gar nicht an. Wo sie steht, liegt sie weit auseinander:

Produkt PDRN-Angabe Quelle der Angabe
VT Cosmetics PDRN Reedle Shot 100 Sodium DNA 0,05 ppm (= 0,000005 %), aus Ginseng Inhaltsstoffliste des Herstellers
Anua PDRN Hyaluronic Acid Capsule 100 ohne Angabe; ein Händler nennt 100 ppm nicht bestätigt
medicube PDRN Pink Peptide Serum ohne Angabe beim Hersteller; ein Händler nennt 10.000 ppm (= 1 %) nicht bestätigt

Die „100“ im Produktnamen ist keine Konzentrationsangabe. Bei 0,05 ppm stecken in einer 50-ml-Flasche rechnerisch etwa 2,5 Mikrogramm Sodium DNA — zweieinhalb Tausendstel eines Milligramms für die ganze Flasche.

Die europäischen Leitlinien für Kosmetikwerbung verlangen, dass eine Eigenschaft eines Inhaltsstoffs nur dann für das fertige Produkt beworben wird, wenn der Stoff darin in wirksamer Menge steckt. Bei Spurenmengen ist das kaum zu begründen.

Lachs oder Pflanze

Ein Teil der Produkte verwendet „Phyto-PDRN“ oder „veganes PDRN“ aus Ginseng, Rosen oder Pfingstrosen. Das ist DNA, aber nicht der Stoff, der in den Wundheilungsstudien gespritzt wurde. Ob pflanzliche DNA-Fragmente dieselbe Wirkung am Rezeptor haben, ist nicht belegt. Wer PDRN wegen der Studienlage kauft, sollte wissen, dass diese Studienlage zum Lachs-PDRN gehört — und auch dort zur Spritze.

Was ein PDRN-Serum realistisch kann

Die meisten PDRN-Seren sind gut formulierte Feuchtigkeitsseren: Hyaluronsäure, Glycerin, Peptide, Niacinamid. Diese Bestandteile sorgen für das, was man nach dem Auftragen spürt — eine glattere, prallere Oberfläche für einige Stunden. Anua beschreibt den eigenen Plumping-Effekt ausdrücklich als vorübergehend.

Dermatologinnen sehen das ähnlich. Die US-Hautärztin Nicole Lee sagt, ein Serum mit PDRN bringe vor allem Feuchtigkeit an der Oberfläche; regenerative Effekte gebe es über die Behandlung in der Praxis. Ihre Kollegin Mona Gohara hält die Studienlage für vielversprechend, die Jungbrunnen-Versprechen aber für überzogen.

Wer ein PDRN-Serum mag, weil es sich gut anfühlt und die Haut feucht hält, macht nichts falsch. Wer dafür 30 Euro statt 15 für ein Hyaluronserum zahlt, zahlt für einen Wirkstoff, dessen besonderer Nutzen auf der Haut nicht gezeigt ist. Welche Produkte wir trotzdem für sinnvoll halten, steht in der Kaufberatung PDRN-Seren.

Woher der Hype kommt

Im August 2023 erzählte Jennifer Aniston dem WSJ Magazine von einem „Salmon Sperm Facial“ und sagte selbst, sie sei nicht sicher, einen Unterschied bemerkt zu haben. Im Sommer 2024 ließ sich Kim Kardashian das Präparat vor der Kamera spritzen. Seitdem wandert der Begriff von der Praxis in die Drogerie: medicube PDRN steht inzwischen bei Rossmann. Laut NielsenIQ ist PDRN 2026 einer der Treiber des K-Beauty-Wachstums; in Westeuropa wuchs K-Beauty um 58 Prozent.

Quellen