Wirkstoff
Polynukleotide (PN): Was hinter Rejuran und der Lachs-DNA-Spritze steckt
Polynukleotide sind die langen Verwandten von PDRN und werden als „Hautbooster“ gespritzt. Die Studien sind klein, die größte wurde zurückgezogen — und selbst die Rejuran-Creme enthält etwas anderes als die Spritze.
- INCI
- Sodium DNA oder Hydrolyzed DNA — ob lange oder kurze Ketten drin sind, verrät die Liste nicht
- Herkunft
- Längere DNA-Ketten aus den Hoden von Lachs oder Forelle; Rejuran aus Keta-Lachs
- Prinzip
- Lange DNA-Ketten bilden ein Gel, das Wasser bindet und die Haut stützen soll — untersucht fast nur als Spritze
- Bis zum Effekt
- Als Spritze meist drei Sitzungen im Abstand von zwei bis vier Wochen; für Cremes keine Daten
- Beleglage
- Nicht belegt — für Cremes und Seren; als Spritze kleine Studien geringer bis mittlerer Qualität
Wer sich mit PDRN beschäftigt, stößt schnell auf einen zweiten Begriff: PN, kurz für Polynukleotide. Auch das sind Bruchstücke von Fisch-DNA, nur deutlich längere. Als Spritze sind sie unter Namen wie Rejuran bekannt und werden in Hautarzt- und Ästhetikpraxen als „Hautbooster“ gegen feine Linien eingesetzt. Inzwischen stehen „PN“ und „Rejuran“ auch auf Seren und Cremes.
Hier steht, was PN von PDRN unterscheidet, was die Studien zur Spritze tatsächlich zeigen — und warum „PN“ auf einer Creme vor allem ein Etikett ist.
PN und PDRN: dieselbe Quelle, andere Länge
Beide Stoffe bestehen aus DNA von Lachs oder Forelle. PN wird nach einer Übersichtsarbeit von 2025 aus den Hoden der Fische gewonnen und besteht aus längeren Ketten, PDRN stammt aus dem Sperma und besteht aus kürzeren. Die Länge macht den Unterschied: PN ist zähflüssig, bildet ein Gel, hält viel Wasser und soll die Haut eher als Gerüst stützen. PDRN ist dünnflüssiger und wirkt nach den bisherigen Daten vor allem über einen Rezeptor, der an Entzündung und Wundheilung beteiligt ist. Die Einzelheiten dazu stehen im Wirkstoff-Text zu PDRN.
Wo PDRN aufhört und PN anfängt, ist nicht festgelegt. Eine zweite Übersichtsarbeit von 2025 schlägt vor, die Grenze bei 1.500 Kilodalton zu ziehen: darunter PDRN, darüber PN. Das ist ein Vorschlag, keine Norm, und mehrere der Beteiligten sind bei Firmen angestellt. Die erste Übersichtsarbeit hält nüchtern fest, dass es keine einheitlichen Kriterien gibt, dass die Unterscheidung oft allein die Hersteller treffen und dass der Begriff PN uneinheitlich verwendet wird. In einzelnen Fällen habe sich ein als PN bezeichnetes Präparat bei genauerer Analyse als überwiegend PDRN herausgestellt.
Auf der Inhaltsstoffliste eines Kosmetikprodukts hilft das nicht weiter: Dort steht DNA als Sodium DNA oder Hydrolyzed DNA. Wie lang die Ketten sind, lässt sich daraus nicht ablesen.
Was die Studien zur Spritze zeigen
In Korea gehört PN seit Jahren zum Praxisalltag. In einer Umfrage unter 235 koreanischen Fachärztinnen und Fachärzten für Dermatologie gaben 88 Prozent an, PN zu spritzen. Am häufigsten gegen feine Linien an den Wangen, danach gegen feine Linien unter und um die Augen, meist in drei Sitzungen im Abstand von vier Wochen. 79 Prozent kombinierten die Spritze mit Laser-, Licht- oder anderen Gerätebehandlungen — was es schwer macht, den Anteil von PN am Ergebnis zu erkennen.
Die Studienlage ist deutlich schmaler als die Verbreitung:
- Systematische Übersicht, 2025. Neun Studien mit zusammen 219 Behandelten, zwischen 5 und 72 Personen je Studie, sieben davon aus Korea. Die Autorinnen und Autoren stufen die Qualität als gering bis mittel ein; keine Studie erreichte in der Qualitätsbewertung die volle Punktzahl. Zwei der vier Beteiligten arbeiten mit einem Hersteller von PN-Präparaten oder dessen Vertrieb zusammen.
- Systematische Übersicht, 2026. Sieben randomisierte Studien mit zusammen 183 Teilnehmenden, zu PN und PDRN. Am einheitlichsten waren die Vorteile in der Wundheilung. Die Autorinnen und Autoren nennen die Datenbasis begrenzt: kleine Gruppen, unterschiedliche Behandlungsschemata, unterschiedliche Messgrößen.
- Augenpartie, 2022. 27 Personen bekamen dreimal im Abstand von zwei Wochen PN auf einer Gesichtsseite und unvernetzte Hyaluronsäure auf der anderen. Auf den Bewertungsskalen für das Gesamtergebnis gab es keinen signifikanten Unterschied. Elastizität und Feuchtigkeit verbesserten sich auf der PN-Seite stärker; auf beiden Seiten ließ die Verbesserung mit der Zeit nach. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf.
Die größte Studie wurde zurückgezogen
Die größte Einzelstudie der Übersicht von 2025 ist eine Phase-III-Studie zu Rejuran aus dem Jahr 2014: 72 Personen, Krähenfüße, PN auf der einen Seite, unvernetzte Hyaluronsäure auf der anderen, drei Behandlungen im Abstand von zwei Wochen. Beim Haupt- und bei den Nebenergebnissen gab es keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen beiden Seiten.
2016 hat die Fachzeitschrift die Arbeit zurückgezogen. Laut Rücknahmemitteilung hatte der Hersteller die Studie bezahlt, ein Mitautor arbeitete in dessen Forschungsabteilung — in der Erklärung zu Interessenkonflikten stand trotzdem, es gebe keine. In die Übersicht von 2025 ging die Studie ohne Hinweis darauf ein; sie stellt 72 der 219 Behandelten.
PN-Spritzen verbessern die Hautqualität
Urteil: Teilweise belegt
Mehrere kleine Studien zeigen bessere Elastizität, Feuchtigkeit oder feinere Linien. Die Übersichtsarbeiten stufen die Qualität aber als gering bis mittel ein, die größte Einzelstudie wurde zurückgezogen, und im direkten Vergleich mit gespritzter, unvernetzter Hyaluronsäure schnitt PN im Gesamturteil nicht besser ab.
Kein Filler
In Studientiteln heißt PN oft „Filler“, einmal sogar „regenerativer Filler“. Mit einem Volumen-Filler hat es trotzdem wenig gemein. Eine Übersichtsarbeit von 2026, die PN und Hyaluronsäure an der Augenpartie vergleicht, sieht Hyaluron-Filler beim Auffüllen überlegen; PN verbessere eher Hautqualität, Elastizität und feine Linien. Auch Vivacy, das Rejuran in Europa anbietet, schreibt, das Präparat wirke anders als ein Filler.
PN füllt Tränenrinne und Falten auf wie ein Hyaluron-Filler
Urteil: Falsch
PN wird als Hautbooster gegen feine Linien gespritzt, nicht als Volumengeber. Beim Auffüllen sieht eine Übersichtsarbeit von 2026 Hyaluron-Filler vorn, und selbst der europäische Anbieter von Rejuran grenzt sein Präparat vom Filler ab.
Für Tränensäcke gilt das erst recht: Dort fehlt kein Volumen, dort ist zu viel. Was unter den Augen hilft und was nicht, steht im Claim-Check zu Tränensäcken und Augencremes.
PN in der Creme
Hier wird es unübersichtlich. Die Kosmetiklinie der Marke Rejuran wirbt bei ihrem Serum mit „c-PDRN“, laut Händlerbeschreibung hydrolysierte Lachs-DNA. In der Inhaltsstoffliste steht entsprechend Hydrolyzed DNA, in der Mitte der Liste hinter Hyaluronsäure. Das ist zerkleinerte DNA, nicht das Gel aus der Spritze.
Das hat einen Grund. Die Übersichtsarbeit, die die 1.500-Kilodalton-Grenze vorschlägt, hält für Spritzen PN oder mittellanges PDRN für geeignet, für Cremes und Gele dagegen kurzes PDRN. Lange Ketten sind für die Nadel gemacht, nicht für die Hautoberfläche. Schon bei PDRN mit höchstens 850 Kilodalton fand eine Messung an menschlicher Haut das Signal etwas tiefer als 20 Mikrometer, in der oberen Oberhaut. Nach der gängigen Faustregel dringen nennenswert nur Moleküle unter etwa 500 Dalton durch intakte Haut; dass noch längere Ketten weiter kommen, ist deshalb nicht zu erwarten. Eine Messung dazu haben wir nicht gefunden.
Eine Studie zu PN in Kosmetik auf gesunder, unversehrter Gesichtshaut haben wir in der medizinischen Datenbank PubMed nicht gefunden (Suche am 28.09.2026). Die wenigen Arbeiten mit aufgetragenem PN betreffen Haut nach einer Laserbehandlung oder medizinische Anwendungen.
Eine Creme mit PN bringt die Wirkung der Rejuran-Behandlung nach Hause
Urteil: Nicht belegt
Zu PN in Kosmetik auf gesunder Gesichtshaut gibt es keine veröffentlichte Studie am Menschen, die wir finden konnten. Die Kosmetik der Marke Rejuran enthält laut Inhaltsstoffliste Hydrolyzed DNA, also zerkleinerte DNA — nicht das Präparat aus der Spritze.
Wenn du eine PN-Behandlung erwägst
- Es ist ein Medizinprodukt, keine Kosmetik. In Korea ist PN als Medizinprodukt eingestuft, PDRN als Arzneimittel. In Europa trägt Rejuran als Medizinprodukt der Klasse III eine CE-Kennzeichnung und darf nur von entsprechend ausgebildeten Fachleuten gespritzt werden, so der Anbieter.
- Mehrere Sitzungen. Üblich sind laut Anbieter drei Behandlungen im Abstand von etwa einem Monat; die Wirkung soll bis zu sechs bis zwölf Monate halten. Das ist eine Anbieterangabe — die Übersichtsarbeit von 2026 fordert ausdrücklich Studien mit längerer Nachbeobachtung.
- Nebenwirkungen. In den Studien der Übersicht von 2025 waren sie meist mild und vorübergehend. Wie bei jeder Spritze gehört die Aufklärung durch die Praxis dazu.
- Nach Studien fragen. Wer wissen will, was ein Präparat kann, fragt nach Studien zu genau diesem Präparat, nicht nach Studien zu „Lachs-DNA“ allgemein.
Unsere Einordnung
PN ist kein Schwindel, sondern ein Medizinprodukt mit nachvollziehbarer Idee und einer dünnen, gemischten Studienlage: kleine Gruppen, oft ohne Vergleich mit einer wirkstofffreien Spritze, eine zurückgezogene Phase-III-Studie. Beim Auffüllen ist es einem Hyaluron-Filler nicht gewachsen, und das will es nach Aussage seines europäischen Anbieters auch nicht sein.
In Cremes und Seren ist „PN“ vor allem ein Etikett: Ob lange oder kurze DNA drinsteckt, verrät die Inhaltsstoffliste nicht, und selbst die Kosmetik der Marke Rejuran setzt auf zerkleinerte DNA. Für DNA auf der Haut gibt es ohnehin nur wenige, firmennahe Daten. Welche PDRN-Seren wenigstens nennenswert DNA enthalten, steht in der Kaufberatung PDRN-Seren, was von den Versprechen zu halten ist, im Claim-Check Lachs-DNA.
Quellen
- Kim ST: Comparison of Polynucleotide and Polydeoxyribonucleotide in Dermatology, Pharmaceutics 2025 (Unterschiede, Einstufung in Korea, Bezeichnung in Kosmetik) — doi.org/10.3390/pharmaceutics17081024
- Marques et al.: From PDRNs to PNs, Biomolecules 2025 (Vorschlag der 1.500-kDa-Grenze, Kettenlänge für Spritze und Creme) — doi.org/10.3390/biom15010148
- Rho et al.: A survey on the cosmetic use of injectable polynucleotide among Korean dermatologists, Journal of Cosmetic Dermatology 2024 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38093498
- Lampridou et al.: The Effectiveness of Polynucleotides in Esthetic Medicine: A Systematic Review, Journal of Cosmetic Dermatology 2025 — doi.org/10.1111/jocd.16721
- Alhussain et al.: Polynucleotides and Polydeoxyribonucleotides … A Systematic Review of Randomized Clinical Trials, Cureus 2026 — doi.org/10.7759/cureus.112403
- Lee et al.: Comparison of the effects of polynucleotide and hyaluronic acid fillers on periocular rejuvenation, Journal of Dermatological Treatment 2022 — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32248707
- Pak et al.: Phase-III-Studie Rejuran gegen Hyaluronsäure bei Krähenfüßen, Journal of Korean Medical Science 2014 (zurückgezogen) — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25473210
- Journal of Korean Medical Science: Notice of Retraction, 2016 — doi.org/10.3346/jkms.2016.31.2.330
- Khan & Hafeez: Hyaluronic Acid Fillers Versus Polynucleotides for Under-Eye Rejuvenation, Journal of Clinical Medicine 2026 — doi.org/10.3390/jcm15134971
- Vivacy: REJURAN (Medizinprodukt Klasse III, Anwendung, Abgrenzung zum Filler) — vivacy.com
- INCIDecoder: Rejuran Turnover Ampoule, Inhaltsstoffe — incidecoder.com
- YesStyle: Rejuran Turnover Ampoule, Produktbeschreibung („c-PDRN“, hydrolysierte Lachs-DNA) — yesstyle.com
- Ye et al.: Topical medium-length PDRN, PLOS ONE 2026 (Eindringtiefe) — journals.plos.org
- Bos & Meinardi: The 500 Dalton rule, Experimental Dermatology 2000 — doi.org/10.1034/j.1600-0625.2000.009003165.x
- Helmi et al.: Fractional CO2 laser augmented by polynucleotide and exosome-mimetic nanovesicles, Postepy Dermatol Alergol 2026 (PN nach Laserbehandlung) — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42621380
- Lavitola et al.: Biostimulation with polynucleotide cream during adjuvant therapy for breast cancer, 2025 (medizinische Anwendung) — pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41061414